Fluch oder Segen
Als ich vor ca. 20 Jahren mit dem Karpfenangeln begonnen habe, benutzte ich als Köder und auch zum Füttern den guten, alten Hartmais wie so viele andere Hunter aus der damaligen Generation. Die Prozedur des eimerweisen Quellens und Vorkochens werde ich wohl nie vergessen. Später folgten dann die Boilies, welche heute aus dem Karpfenangeln nicht mehr wegzudenken sind. Auch ich verfolgte diesen Trend mit eher mäßigem Erfolg. Ich kaufte hier mal und da mal einige Kilos von dem einen oder anderen Baithersteller, ohne eine genaue Vorstellung zu haben, worauf es bei einem Köder eigentlich ankommt. So gingen die Jahre ins Land, aber am meisten Erfolg hatte ich immer noch mit der obligatorischen Maisrute. Mit den gekauften Boilies aus dem Geschäft wollte es einfach nicht so richtig funzen, jedoch gab es auch ab und an Erlebnisse, dass ein Hunter neben mir richtig gut fing. Also muss es auf Boilie möglich sein. Warum nicht bei mir? Ich begann, mich für Rigs zu interessieren, probierte dies und das, aber eine Verbesserung meiner Fangquote war nicht zu erkennen. Wenn ich zum Fischen ging, hatte ich schon immer eine riesige Freude in mir, aber leider auch Zweifel an meinen Ködern und dem was ich tue. Ich finde, Zweifel ist bei diesem Hobby so ziemlich das Schlimmste, da man so das ganze Drumherum nicht richtig genießen kann. Befischt wurde von mir damals wie heute alles, was Wasser hat, in dem sich Karpfen tummeln. Stauseen, Baggerseen, kleine Tümpel, Parkteiche etc. Dabei beschränkt sich der Aktionsradius einzig und allein auf Deutschland, da es meiner Meinung nach so viele Seen und schöne Fische gibt, das ein Karpfenanglerleben nicht ausreicht, um alles abzuangeln. Aber gut, hier gibt es ja viele unterschiedliche Meinungen und über Meinungen lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Eines Tages , in der ach so geliebten Winterpause, beschloss ich, im Rahmen meiner Möglichkeiten, mich über den Nahrungsbedarf der Karpfen zu informieren und meine Köder von nun an selber zu rollen, sehr zur Freude meiner Frau, denn unsere Küche und der Keller nahmen von nun an einen anderen, für Nichtcarper unangenehmen Geruch an. Aber der Erfolg gab mir Recht und ich machte zum ersten Mal die Erfahrung, gutes Futter ist Macht. Ich erinnere mich an einen 3- Tagestrip an einem Baggersee in Sachsen, als mich am zweiten Tag ein Hunter von der anderen Seeseite besuchte und mir so im Gespräch mitteilte, dass es an diesem See auf Grund des erhöhten Druckes nur noch im Verhältnis zu früher schlecht läuft. Es werden nur noch vereinzelt Fische gefangen. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits 15 Fische meine Matte besucht, welche meine Köder offenbar liebten. Ich entwickelte endlich dieses wichtige Gefühl in dem was ich tue. Vertrauen! Alles war gut und konnte so weitergehen. Doch leider läuft es im Leben nicht immer so, wie man das möchte. Ich bekam gesundheitliche Probleme und musste das Carpen einstellen. Ein Jahr lang quälte ich mich mit unsagbaren Bauchschmerzen, nahm ab und litt an diversen anderen Begleiterscheinungen meiner später diagnostizierten Erkrankung Namens Fructose-Laktose-Histaminmalabsorption. Katastrophe! Mein Leben und meine Beziehung wurden auf eine harte Zerreißprobe gestellt. Im Klartext hieß das, ich kann so gut wie kein Obst essen, kaum Milchprodukte konsumieren und alles muss frisch zubereitet sein. Fertigprodukte kommen nicht mehr in Frage. Ich hatte den Glauben an alles verloren, war an den heimischen Herd gebunden. Mein Leben war bestimmt von Arbeiten, Kochen und Backen. Ein weiteres Jahr brauchte ich, um meine Gesundheit zu stabilisieren und die Ernährung auf mich abzustimmen. Dann ging es mir wieder sau gut und ich möchte bald sagen, besser als jemals zuvor, sah das Leben nun aus einem anderen Blickwinkel. Im Frühjahr 2008 kam es dann wieder, das Gefühl, du musst Carpen. Aber wie und mit welchen Ködern?
Da ich nun enorm viel Zeit in der Küche verbringe, hatte ich weder die Zeit noch die Lust, meine Köder wieder selber zu rollen. Ein weiteres Problem war, dass ich, limitiert durch mein Ernährung, im Höchstfall 3 Tage am Wasser sein konnte. Ein Boilie musste her. Einer , mit dem es schnell geht. Zu den Knickern aus dem Laden hatte ich von vornherein kein Vertrauen, da ich ja nun wusste, worauf es ankommt. Meiner Meinung nach sind die Dinger in erster Linie für irgendwelche Boilierollmaschinen konstruiert, um diese dann in Massen an den Endverbraucher zu bringen. Ich möchte nicht anzweifeln, dass auch diese Baits fangen, aber für mich kommen diese Köder nicht in Frage. Somit erfolgte die Suche einiger renommierter Boiliehersteller, welche auf Bestellung frisch und ohne Konservierungsstoffe abrollen. Ich fischte diverse Firmen, welche am Markt etabliert sind und fing auch Fische, jedoch im Vergleich zu meinen damals selbstgerollten Ködern war ich nicht zufrieden. Hierbei muss erwähnt werden, dass ich eine persönliche Vorliebe fuer süße Boilies auf Milchproteinbasis sowie süßen und cremigen Aromen habe. Diese Art von Köder hat auch so ziemlich jede Köderschmiede im Programm , jedoch waren meine Erfolge mit diesen Ködern mehr als mangelhaft. Es machte mir den Eindruck, dass aus Kostengründen die Mehle, auf die es ankommt, in den Boilies gar nicht enthalten waren und die diversen Hersteller der Meinung sind, durch das Flavor fällt das dem Menschen, in dem Falle dem Käufer, gar nicht auf. Dem Fisch leider schon, was dann zwangsläufig zum Blank führt. Ich glaube, dies ist auch mit ein Grund, weshalb Flavor so in Verruf geraten ist. Es heißt, es hätte eine Scheuchwirkung. Ich bin der Meinung, ein gut dosiertes Flavor unterstützt und perfektioniert einen hochwertigen Mix, sodass man schneller zum Fisch kommt. Lediglich die Fischboilies aller Baitfirmen brachten nach einigem Füttern ab und an einige Fische, jedoch bin ich der Meinung, dass es nicht schwer ist, einen Boilie auf Fischmehlbasis zu kreieren, der auch nach einiger Zeit des Fütterns Fische fängt. Natürlich kann man die Ursachen meiner Misserfolge auch dem Wetter, Luftdruck, falsche Stelle etc. zuschreiben, aber aus heutiger Sicht sehe ich das anders. Dann kam wieder dieses ätzende Gefühl - Zweifel. Fast jeden Sonntag nach dem Fischen durchstöberte ich das Internet auf der Suche nach dem geeigneten Boiliehersteller für meine Vorstellungen. Es ist mittlerweile unheimlich schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen. Die Werbeindustrie schlägt mit geballter Macht zu und verspricht das Blaue vom Himmel. Jeder preist seine Boilies als das Beste vom Besten an. Zu jedem Boilie gibt es eine Komplettrange mit Flüssigdip, Pulverdip, Pop Up und Stickmix. Aber wer sagt die Wahrheit?! Was ist dauerhaft fängig? Und was auch nicht außer Acht gelassen werden sollte ist, was passiert mit den Boilies unter Wasser, welche gefüttert wurden. Sollte ein Karpfen die Baits einmal nicht finden, lösen sie sich dann langsam auf oder werden weich, sodass der Weißfisch sie dann verputzen kann oder gammeln sie im Wasser vor sich hin? Ich finde, dass dies nach wie vor ein Problem ist. Aus Berichten der englischen Fachliteratur wusste ich, dass es durchaus möglich ist, Köder zu kreieren, mit denen bei günstigen Bedingungen sogar Massenfänge möglich sind. Das diese Rezepte gut gehütete Geheimnisse sind, die man in Karpfenanglerkreisen mit Gold aufwiegen könnte, war mir auch klar.
Aber man weiß ja nie. Dann passierte im Frühjahr 2009 etwas, was meine Karpfenangelei und meine Erfolge komplett verändern sollten. Ich fischte erstmalig an einem neu eröffneten Gewässer zusammen mit einem Gleichgesinnten. Uns gegenüber saß ein uns unbekannter Angler. Er hatte Runs im Stundentakt und wir fingen nichts. Da der Mensch ja von Grund auf neugierig ist, suchte ich das Gespräch zu diesem Hunter. Was ich sehr beeindruckend fand war, dass dieser Hunter entgegen des allgemeinen Trends keinen riesigen Wert auf das teuerste Takle legte, sondern sich darauf beschränkte worauf es ankommt, nämlich Fische fangen. Es ist meiner Meinung nach wirklich ein Problem geworden, dass sich viele für gute Angler halten, nur weil sie teures Takle haben. Er hatte auch sonst eine nette, ruhig , selbstbewusste Art an sich, was ich als angenehm empfand. Auch seine Art zu füttern war komplett anders als alles, was ich kannte. Er legte Futterspuren mit 2 bis 3 Boilies an vermeintlichen Zugruten. Aus dem Gespräch hörte ich ein Begriff heraus, der mir keine Ruhe mehr ließ - Kautz Boilies. An den darauf folgenden Tag hängte ich mich ans Netz und suchte mir die Seite von Kautz Boilies. Ich bin in der Vergangenheit schon auf seine Internetseite gestoßen, habe es aber auf Grund der hohen Preise verworfen. Das alte Problem. Was man liest und was man glaubt. Aus meiner heutigen Sicht sind die Preise für diese Köder mehr als gerechtfertigt. Ich kontaktierte Markus Kautz und bestellte jeweils 5 kg Cool Strawberry und 5 kg Green Hell in 14 mm. Er antwortete mir umgehend und gab mir Bescheid, dass er mir die Baits frisch abrollt und ich sie mir in 3 Tagen abholen könnte. Gemeinsam mit meiner Frau sind wir dann zu ihm gefahren. Er begrüßte uns nett, zeigte mir die Boilies, welche verschweißt und gefroren waren und sagte ganz trocken in seiner extrem selbstbewussten Art, vergiss alles was du bisher hattest, das hier ist was anderes und sein Geld wert, vertraue mir. Er berichtete noch über seine Denkensweise und sein Konzept. Ich dachte mir, wenn das die Wahrheit ist, was mir Herr Kautz erzählt, dann ist meine Suche nach einem passenden Köderhersteller hier beendet. Anschließend stellte er mir die Flavors aus seinem Programm vor. Ich war dem Wahnsinn nah und das bin ich heute noch bei jeder Bestellung neuer Boilies. Zu Hause angekommen öffnete ich zwei Tüten, um eine Geruchs.- und Konsistensprobe zu machen. Ich war begeistert. Die Boilies waren weicher als alles,was ich bisher kannte und sowohl das Erdbeerflavor des Cool Strawberry als auch das Waldmeisterflavor (Forrest Master) des Green Hell gingen mir durch und durch. Dann legte ich jeweils 3 Boilies in ein Glas mit kaltem Wasser, um mir ein Bild der Diffusion der Boilies innerhalb von 24 Stunden zu verschaffen. Dies tue ich immer bei neuen Boilies um Vertrauen zu haben, was unter Wasser passiert. Den nächsten Tag nach der Arbeit war ich schon ganz aufgeregt. Die Boilies waren bis zum Kern mit Wasser getränkt, das Wasser war verfärbt und roch herrlich nach Flavor. Er, der Boilie war schön weich geworden und konnte ganz leicht in der Hand zerrieben werden. Genau so stelle ich mir das vor. Ich war happy und musste fischen, gleich! Das Wochenende kam und ich ging mit drei anderen Karpfenanglern zum Carpen. Ich fischte Cool Strawberry, meine Kumpels andere renommierte Baits, fütterte ca. 50 Boilies in 14mm grob gestreut, was mir Markus noch mit auf den Weg gab. Wenig füttern und streuen. Was sofort spürbar war, ich strotzte vor Selbstvertrauen und platzte in Erwartungshaltung. Bis früh tat sich nichts, dann hatte ich an jeder Rute einen Lauf, meine Kumpels hatten nichts. Danach war den Tag über alles ruhig, aber ich hatte den Glauben, das noch etwas passieren wird. Und es kam, in einer Intensität, dass ich jetzt noch zittere, wenn ich daran denke.

Um 01.00 Uhr ging der Tanz los. Von da an hatte ich bis 14.00 Uhr noch weitere 12 Runs. Wir drillten abwechselnd nacheinander mit meinen Ruten und hatten jede Menge Spaß. Es war unfassbar! An den Ruten meiner Kumpels tat sich nichts. Nach jedem Biss streute ich nur 5 Boilies, das reichte. Von zu Hause rief ich Markus an, denn ich war des Wahnsinns nah. Er beruhigte mich und riet mir, eine Pause einzulegen, um das Ganze zu verarbeiten.
Bleib locker, genieße den Augenblick, das ist erst der Anfang, waren seine Worte. Das ganze Jahr über fing ich extrem gut, besser denn je und schnell. Ich fing an, meine Angelei komplett umzustellen und mich auf die Wirkungsweise der Boilies einzustellen. Der Hauptteil meiner Angelei bestand nun aus Tagessitzungen zwischen 4 Stunden direkt nach der Arbeit und 12 Stunden. Ich erlebte Massenfänge, von denen ich vorher nur gelesen hatte. Bis 10 Fische in 4 Stunden in Kurzsitzungen nach meiner Arbeit, trieben mich in den 7 Himmel, dabei fütterte ich in meinen Kurzsitzungen vielleicht 50 Boilies weit gestreut. Im Laufe des Jahres habe ich einige Boilies mit den unterschiedlichsten Flavors aus dem Programm von Kautz Boilies gefischt und sofort gefangen. Ob für Kaltwasser im Herbst, Winter und Frühjahr, tiefe Baggerseen, schlammige Gewässer oder Flüsse, er hat für jede Situation eine passende Kreation im Programm. Markus rollt die Boilies komplett mit allen notwendigen Mehlen, Liquids und ölen ab und kreiert für jede Situation hochfängige Boilies.
Sogar Rotfedern fing ich plötzlich auf Boilie. Ich selbst bin süchtig nach den Blue Liquid Flavor Programm, habe beim Fischen fast ständig einen Boilie in der Hand und muss das Aroma riechen. Ein Test mit einem Karpfenangler aus einem Nachbarverein ließ mich schmunzeln. Ich bat ihn, den Boilie seiner Wahl zu zerbröseln und zu den Weißfischen ins Wasser zu werfen. Er tat es, die Fische kamen neugierig angeschwommen und verschwanden sogleich wieder, ohne auch nur ein Stück zu fressen. Dann zerbröselte ich einen Kautz Boilie von mir, in dem Falle Birdfood Nut mit Blue Liquid Honney und warf ihn ins Wasser. Sofort kamen die Weißfische und fielen über die Stücken her, als ob es kein Morgen mehr gibt. Es kam kein Stückchen auf dem Grund an. Er kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und fragte Wort wörtlich: „ Was fischst du, einen Superboilie?” Ich sagte einfach nur: „ Ja”.
Ein anderes Mal sah ich beim Tauchen ein paar Boilies meines Vorgängers im Wasser eines Baggersees liegen, welche die Fische wohl verschmäht hatten und die Weißfische diese aus irgendeinem Grund auch nicht fressen konnten. Ich tauchte interessehalber einige Kautz Boilies an diese Stelle und legte sie genau zwischen die besagten Boilies. Am nächsten Morgen waren meine Boilies alle weg, jedoch die Alten lagen immer noch da. Die Fische waren am Platz, aber sie wollten vernünftiges Futter und nicht irgendeinen Scheißdreck. Natürlich blankte ich auch, Fanggarantie gibt es nicht, jedoch wenn ich ans Wasser gehe, besteht nie Zweifel, sondern ich weiß, selbst in einer Stunde, oder widrigsten Bedingungen kann ich fangen.
Mit diesem Wissen wollte ich es auch frühzeitig in diesem Jahr 2010 wissen. Einer meiner größten Träume im Bezug auf Karpfenangeln ist es, einen Karpfen bei Schnee und Minusgraden zu fangen. Versucht habe ich es schon einige Male, Erfolg hatte ich noch nie! An dem Wochenende vom 06.03 zum 08.03.2010 wollte ich dies an einem See, wo ich letztes Jahr noch mit anderen Baits hoffnungslos blankte, erneut versuchen. Die Bedingungen waren widrig. Das Thermometer sank von über 10 Grad auf bis zu minus 10 Grad, ein Temperaturabsturz von 20 Grad. Es schneite, aber wie. Für meinen Traum perfekt, zum Angeln katastrophal. Ohne Zeltheizung ein unschaffbares Vorhaben, aber ich war mir trotzdem sicher, dass meine Chance nicht 0 ist. Meine Strategie bestand darin, zwei voneinander weit entfernte Plätze zu fischen, einen ufernah und einen im tieferen Wasser. Mein Futter sollte wie folgt aussehen, ich vermischte Boiliemix, halbe und ganze Boilies sowie die Paste des Boilieteiges, welche mir Markus auf Wunsch komplett mit Flavor und Liquids fertig macht, alles auf Basis des Cool Strawberry. Dieser Boilie ist extra für kaltes Wasser gemacht und arbeitet hervorragend. Das Ganze wurde mit Kaffeesahne vermischt, bis es eine passende Konsistenz hat. Markus ist in der Lage, für jede Situation einen passenden Boilie zu rollen oder einen Mix zu erstellen. Was noch zu erwähnen wäre ist, dass ich vorher nicht gefüttert habe und dies niemals tue.
Meine Taktik ist darauf ausgerichtet, schnell möglichst viele Runs zu haben. In der Regel beläuft sich das Gewicht meiner Fische zwischen 1 und 30 Pfund bei einem geringen Zeitaufwand, damit bin ich glücklich. Genau das Gegenteil eines Großfischjägers, aber jedem das Seine. Ich fische ein Safety Rig mit 25 cm langem Hooklink am 4er Haken im No Knot Stile. Mit diesem Rig konnte ich letztes Jahr weit über 200 Fische fangen und habe keinen Grund , etwas zu ändern. Lediglich mit der Hakengröße, Hakenform, Haar.-und Hooklinklänge wird variiert. Gefüttert werden pro Rute 2 Ballen von dem gefertigten Futter, dann geht es ab auf die Liege und Zeitung lesen. Nichts geht über eine Zeltheizung. Mein 2 Mann Zelt wurde extra mitgenommen, um bei diesen Bedingungen etwas mehr Bewegungsfreiraum zu haben, da man ja die meiste Zeit im Zelt verbringt. Nach einer Stunde, ich stehe gerade neben meiner Rute, nach dem ab und zu mal nötigen Pippi, bewegt sich mein Swinger ganz langsam nach oben und die Schnur fängt an, abzulaufen. Starr vor Fassungslosigkeit dauert es ca. 5 Sekunden, bis ich die Rute aufnehme aber leider geht nur ein kurzer Ruck durch die Rute, dann ist er geschlitzt. Gut, passiert bei diesen Temperaturen, da die Fische sich extrem langsam bewegen. Schnell wird die Rute neu beködert, 2 Boilies am Stringer um den Haken gebunden und wieder an der gleichen Stelle platziert. Gefüttert wird nicht, da der Fisch meiner Meinung nach nicht das ganze Futter gefressen haben kann. Abends kommt mich noch ein Kumpel besuchen, wir quatschen ein bisschen und dann tritt er den Heimweg an. Der arme Junge ist auch seit 2 Jahren begeisterter Karpfenangler, muss aber oft Samstag arbeiten. Eine Stunde später läuft meine Rute im tieferen Teil des Sees abermals ab. Auch diesen verliere ich. Die Freude darüber, dass ich bei diesem sch… Wetter schon 2 Läufe hatte, überwiegt dem ärger, dass ich sie verloren habe. Trotzdem mache ich mir jetzt Gedanken über meine Präsentation und binde 2 neue Rigs , natürlich im No Knot Style, jedoch ändere ich die Hakengröße von 4 auf 6, den Hakentyp von gebogener auf gerade Spitze mit gebogenem öhr und verkürze das Haar. Die Länge des Hooklinks lasse ich bei 25 cm, da der See leicht schlammig ist. Jetzt werden an die Stelle im tieferen Wasser noch einmal 5 Boilies gestickt, die Stelle im Flachen füttere ich nicht nach, da es hier noch keine Aktionen gab. Abends beginnt es heftig an zu schneien und hört die ganze Nacht auch nicht mehr auf.
Die Temperaturen sinken auf 5 Grad und im Wasser bildete sich Randeis. Früh um 7 ertönt der ach so geliebte Ton des Funkempfängers. Ist schon beeindruckend, was Fox da gebaut hat. Selbst total verschneit und bei Frost funktionieren die Dinger tadellos. Ich begebe mich vorsichtig durch den Schnee laufend zu meiner Rute, um nicht auszurutschen. Die Ruten sind total verschneit und an der Schnur hängen Eisklumpen. Ich rubbel das ganze so gut es geht ab, nehme die Rute auf und schlage an. Es war abermals zum dritten Mal die Rute im tieferen Wasser.
Nach einer Minute liegt ein Satzkarpfen auf meiner Matte. Ich freue mich trotzdem riesig, denn bei diesem Wetter zählt jeder Fisch 10-fach. Ich beschließe, diesen Fisch schnell auf der Matte zu fotografieren um ihn dann sofort in sein Element zu entlassen. Auf dem Weg zurück zu meiner Matte läuft auch meine andere Rute ab, welche ich ufernah fische. Wahnsinn. Ich mache schnell ein Foto von dem Kleinen, setze ihn zurück, rubbel die andere Rute frei, schlage an und sitzt. Ich merke sofort, dass dieser etwas kräftiger ist, jedoch kein Vergleich zum Sommer. Nach einer Weile habe ich ihn im Kescher und sehe sofort, dass meine Wünsche mehr als erfüllt sind.
Der Kescher bleibt im Wasser mit dem Fisch, um ihn nicht unnötig lange den Minusgraden auszusetzen um ihn anschließend zu wiegen. Er ist etwas ausgemergelt, an seinem Körper befinden sich Parasiten, was davon zeugt, dass er lange an einer Stelle gelegen haben muss, was ja im Winter bei Karpfen so üblich ist. Die Waage bleibt bei 19 Pfund stehen und ich schreie. Kein Rekord, aber zwei Winterfische bei Schnee. Für mich Königsklasse. Ich sacke ihn schnell ein und befördere ihn an einem langen Seil ins tiefere Wasser. Anschließend wird meine Frau und einige Kumpels informiert. Alle antworten das Gleiche, als hätten sie sich abgesprochen : "Wahnsinn, du bist verrückt"! Verrückt muss man sein, um Karpfenangler zu sein. Und eine verrückte Frau muss man haben, die das Ganze versteht. Gott sei Dank habe ich eine von der Gattung abbekommen. Letztere kommt auch so schnell es geht ans Wasser und bringt mir auf meinen Wunsch noch einen neuen Gastank für die Zeltheizung. Sofort werden Fotos geschossen, welche nicht ganz optimal geworden sind, da meiner Frau doch sehr kalt war und es schnell gehen musste. Die Ruten lagen schon wieder im Wasser, jeweils einen Futterballen gefüttert und nun war ausruhen angesagt von dem harten Arbeitsstress, angeln ist doch das beste Hobby der Welt! Tagsüber passiert nichts mehr, aber ich habe auch schon alles, was ich erreichen wollte. Nachmittags kommen 2 Kumpels vorbei, wir quatschen nur Scheiße, lachen viel und alle sind zufrieden. Am Abend wird es noch einmal deutlich kälter und es deutet sich an, dass es noch kälter als die Nacht zuvor wird. Aus diesem Grund beschließe ich, meine Taktik zu ändern, um die Lockwirkung meines Köders auf Grund der doch eiskalten Temperaturen noch zu erhöhen. Ich ummantel meinen Hookbait und das Blei meiner Montage mit einem dicken Klumpen Boiliepaste und präsentiere jetzt beide Ruten im tieferen Wasser, da ich vermutete, dass der Uferbereich an der Oberfläche wohl komplett zufrieren wird. über Nacht werden -10 Grad und zu meinem Entsetzen muss ich sehen, dass, soweit ich das erkennen konnte, der ganze See an der Oberfläche zugefroren war. Ich dachte: " Oh Gott, was mache ich, wenn ich jetzt noch einen Biss habe und wie wird es wohl dem Fisch ergehen." Aber ich beruhigte mich auch gleich wieder und dachte, wenn es soweit ist, findest du eine Lösung. Letztlich ist es auch so. Mit einem Fisch an der Rute und Adrenalin in den Adern vollbringen Karpfenangler Höchstleistungen, vor denen Spitzensportler erblassen würden. Anschließend hülle ich mich in meinen Schlafsack und schlummere ruhig ein. Gegen 8.00 werde ich ohne eine Aktion wach und beschließe, noch einen Kaffee zu kochen und anschließend einzupacken, da der gesamte See eine ca. 2 cm dicke Eisschicht gebildet hatte und meine Schnur logischerweise mit eingefroren war. Wie ich meine Montage wieder aus dem Wasser bekomm,e wollte ich dann sehen. Gesagt, getan. Eine Stunde später, die Hälfte des Takles befand sich auf meiner Transportkarre, gab die Funkbox 2 Piepser von sich. Konnte das ein Biss sein? Die Rute wurde umgehend von mir aufgenommen und ließ sich auch unter dem Eis entlang ziehen. Ich verspürte einen vibrierenden Gegendruck und plötzlich erschien unter dem Eis ein Karpfen. Sofort öffnete ich den Baitrunner wieder, stürzte zu meinem Rucksack und sprang in meine Wathose, mit welcher ich ins Wasser sprang, um die Eisschollen bis zu der Stelle zu brechen, an der die Schnur ins Wasser lief. Nachdem das geschafft war, konnte der Fisch gedrillt werden und der dritte Winterspiegler lag auf meiner Matte. Jetzt war ich komplett fertig mit der Welt. Ich musste lachen, fielen mir doch meine Gedanken aus der Nacht wieder ein. Das Ganze funktionierte, als hätte ich es hundert Mal trainiert.
Es war auch kein Großer, geschätzte 8 Pfund. Da mir doch recht kalt war habe ich ihn sofort ohne Foto und wiegen zurück gesetzt, die andere Rute auch noch frei gebrochen, das restliche Takle eingepackt und bin dann total erschöpft in das warme Heim gefahren, wo ich erst einmal ordentlich gegessen und heiß geduscht habe. Auf diesem Wege sage ich noch einmal danke an Markus Kautz für dieses unfassbare Köderprogramm, welches auch für das Fischen und die Fische geschaffen ist und danke an meine Lebensgefährtin Manuela Böhm, welche mit mir schwierige Zeiten durchlebt hat und zu mir gestanden ist. Fluch oder Segen? Ich sehe mein Schicksal als Segen, denn sonst wäre ich vermutlich nie bei Kautz Boilies gelandet und meine Beziehung zu meiner Freundin hätte nie den Stellenwert, den sie heute hat.
Bielefeld, 11.03.2010 Enrico Fiss
